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Ein Interview mit Guido Tschugg

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Warum steigt einer der weltbesten Bike-Sportler aufs eBike?

Mann mit zwei Herzen und zig Gefährten

19. Januar 2017

Weil in seiner Brust zwei Herzen schlagen und er „lieber Rückenwind als Gegenwind“ hat.

Die Red Bull Rampage ist einer der härtesten und prestigeträchtigsten Events der Bike-Szene. Qualifizieren kann man sich für das Freeride-Spektakel im wilden Terrain von Utah nicht – man wird geladen. Und der einzige Deutsche, der je den Rampage-Ruf erhielt (und das gleich zweimal) ist Guido Tschugg. Der Allgäuer ist eines der Mountainbike-Aushängeschilder Deutschlands schlechthin. BMX, Freeride, Downhill – Guido fährt mit allem und mit allem gerne aufs Podest. Er ist 4-facher Deutscher Meister im Dual und in seiner Paradedisziplin 4Cross 6-facher Deutscher Meister plus WM-Bronzegewinner.

 

Fitter Kerl mit Doppelherz und Dickschädel

Und dann steigt Guido als erster Bike-Profi aufs eBike und sagt selbstbewusst:
„Das ist mein Ding!“ Wieso das? Was braucht der Mann eine Maschine, er ist doch selbst eine? Weil Guido ein fitter Mann mit dickem Schädel ist. Weil ihn Schubladendenken nicht interessiert und er eine ausgeprägte Neugierde hat. Und weil das eBike die zwei Herzen vereint, die schon seit Kindheitstagen in seiner Brust schlagen: Rad und Motor. Entsprechend sieht es bei Guido zu Hause aus. Sein Hof ist ein einziger Gemischtwaren-Fuhrpark: Da lehnt das High-End Carbon-Rennrad am Oldtimer-Moped. Neben Bagger und Radlader reihen sich die eBikes und Downhill-Boliden. Die Enduro-Maschinen werden vom kultigen Pick-Up verdeckt. Wie viele Gefährte er hat? „Keine Ahnung, ich hab sie nie gezählt“, sagt er und kratzt sich am Hinterkopf. Der Mann ist absolut maschinenverrückt und die Ursache findet man natürlich in der Kindheit.

„Mein Vater war ein absoluter Motocross-Fanatiker. Kein Geld, aber irgendwie schaffte er es als junger Kerl zu den Rennen“, erzählt Guido. „Er hatte zum Beispiel keinen Hänger. Also hat er in die Heckklappe von seinem VW-Käfer einen Schlitz fürs Vorderrad reingeflext und die Maschine mit Spanngurten fixiert. Und wenn’s kalt wurde, hat er unter dem Auto geschlafen.“ Logisch, dass sein Sohn unbedingt Motocross-Fahrer werden wollte. Aber der Sport war für die Familie einfach zu teuer und so bekam Guido ein BMX. Marke: Eigenbau – vom Vater zusammengeschweißt aus einem alten, gebrochenen Rahmen. Guido steigt auf, fährt mit 8 sein erstes Rennen, steht auf dem Podium und bleibt beim Rad (und auf dem Podium).

 

Guidos Gespür für leeres Papier

Als er 1996 als BMXler aufs Mountainbike wechselt, sorgt das in der Szene für Furore. „Das war ein No-Go. BMX sei das einzig Wahre, haben damals viele gesagt“, er macht eine Pause und grinst: „Die sitzen inzwischen natürlich alle längst auf dem MTB.“ Dann war er also schon vorbereitet auf den Shitstorm, der ihn mit dem „Wechsel“ aufs eBike traf? „Ja klar, ich hab das natürlich erwartet. Heute ist das nochmal anders mit den Social Media-Kanälen. Aber egal: Wieso sollte ich mich an Leuten orientieren, die meiner Meinung nach falsch liegen. Ich halt nix von engem Denken. Ich bin doch nicht als Biker ein Freerider, um mich dann irgendwelchen festgezurrten Regeln zu unterwerfen. Es geht um Freiheit und Offenheit und ich gehe den Weg, den ich für richtig halte.“

Seine Lebensgefährtin Yve nennt das „Guidos Gespür“. Das funktioniere „wie ein Naturinstinkt. Er spürt etwas auf, beißt sich fest und dann kriegt ihn keiner mehr weg.“ Schlecht ist Guido damit bisher nicht gefahren. Er war einer der ersten Bike-Athleten weltweit, die von Red Bull gesponsert wurden, damals, als der Drink-Gigant gerade ein kleines Büro in Frankfurt bezogen hatte. Er trug 2004 die Klamotten einer Mini-Marke aus dem Oberbayerischen namens Maloja – und trägt sie bis heute. Guido mag unbeschriebene Blätter und das ist für ihn aktuell ganz klar der eBike-Sport. „Hier ist alles gerade erst am Entstehen. Von Rennformaten bis hin zu den Komponenten. Man spürt, wie die Leute anschieben und was sich hier bewegt ist brutal spannend.“ Guido bringt sich intensiv bei Haibike ein, er entwickelt mit Reifenhersteller Kenda spezielle eBike-Modelle mit stärkeren Karkassen und mit Sponsor Amplifi einen Protektoren-Rucksack mit separater Akku-Halterung für eBiker.

 

Die Moto-Perspektive

Das neue Sport-Utensil kam für ihn eben auch zu einer Zeit, als er sein Leben neu gestalten wollte und musste. Guido ist inzwischen 40 und seine Paradedisziplin, der 4Cross, nicht mehr Bestandteil des UCI Weltcups. „Da schlagen natürlich von links und rechts die Sprüche ein: Rentner steigt aufs eBike. Der faule Guido braucht jetzt den Motor. Aber ehrlich, ich glaube, ich bin heute fitter als zu Weltcup-Zeiten.“ Hat er denn nicht den Drang, gegen jeden einzelnen Spruch-Athleten persönlich anzutreten? „Ach, Schmarrn. Manche brauchen einfach ’n bisserl länger und außerdem mag ich keine stressigen Menschen um mich haben.“ Viel entspannter ist da die Moto-Szene, erzählt er. Guido ist auch hier immer Rennen gefahren – und das durchaus sehr erfolgreich. Sein Freundeskreis setzt sich größtenteils aus Motorsportlern zusammen und „die finden’s sowieso geil. Die gehen vollkommen ohne Vorurteile ans eBike ran und sehen es als coole neue Sportart.“ Viele sitzen inzwischen selbst drauf. „Beim Crossen hast du einen enormen Aufwand und hohe Kosten. Maschine, Hänger, Klamotten, Panzer, Anreise …Das eBike hingegen ist so einfach, man kann überall fahren, es macht keinen Krach – nur Spaß.“ Was ist das eBike für Guido? „Eine komplett neue Geschichte, die zwei Sachen in sich vereint und auf dem man sich mit Geschwindigkeit auspowern kann.“ Er macht eine kurze Pause: „Und ehrlich: Zeig mir einen, der gerne gegen den Wind fährt. Mit Rückenwind radeln, das bringt dich zum Grinsen.“ Guido Tschugg mit Doppelherz und Rückenwind – oh, das wäre wieder eine Traumschlagzeile …

 

Bilder und Texte: Auszug aus Haibike ZeroCadence Magazin, © 2016 Haibike